~ Statt Liebe und Neuanfang, Gefrierbrand ~
Kapitel 02
 

Mir war nicht klar, was da und mit mir passiert...

ich wusste nur das es der größte Fehler meines Lebens war, zu diesem Mann gezogen zu sein,
aber nun war ich hier und meine Wohnung war weg.
Wo sollte ich hin… ?

Was um alles in der Welt war nur mit ihm ???

Meine Gedanken überschlugen sich,

ich war gefangen in einer total irren Situation, aus der ich so schnell gar nicht raus kam
und die ich mir in keinster Weise erklären konnte ?

Er wurde immer widerlicher, immer respektloser, ich war wie in einem Schockzustand,
wie gelähmt, ich wusste mir gar nicht zu helfen…?

Wie kann man sich so etwas erklären, wie begreifen…???
Ich habe mich auch gar nicht getraut mit jemandem darüber zu reden, wer glaubt einem denn so etwas ?

Ich hörte auf Kontakte zu pflegen, habe mich geschämt jemanden einzuladen, mich rausgeredet, wenn jemand mich besuchen wollte, weil es im Haus kaum weiterging, er permanent nur noch voll war und widerlich nach Alkohol stank. So verlor ich nach und nach auch meinen Freundes- und Bekanntenkreis. Es gab irgendwann eigentlich nur noch IHN und seine Familie.

Er machte im Haus immer weniger, am Ende gar nichts mehr und was ich dann da erlebt und ausgehalten habe,
war schon unmenschlich…. schlimmer als jeder Horrorfilm.
Fürchterliche Situationen und Erlebnisse sind in meinem Kopf, wie eingemeisselt, ich habe die Bilder immer wieder vor mir, bin aber nicht im Stande komplett alles aufzuschreiben, denn es tut zu weh
und es wäre auch zu viel.

Ich war… ja wie gelähmt, nahm alles nur noch hin….
weil ich völlig überfordert war, mit dem was mir da geschah.
Statt einem Neuanfang erlebte ich Psychoterror auf allerhöchstem Niveau.
Einfach nicht zu begreifen…?

Ich schob all` sein widerliches Verhalten auf den vielen Alkohol, den er unaufhörlich und rücksichtslos in sich reinpumpte, seit ich in sein Haus gezogen bin. Vorab hatte er auch mal hier und da ein Bier getrunken, wie jeder andere Mann wahrscheinlich auch, mal so zum Feierabend, beim Essen, auch mal ein paar Flaschen mehr bei Feierlichkeiten/beim Grillen...ec., aber es war für mich nicht ersichtlich, dass er schwerst Alkoholkrank ist ! ...und nun wurde es immer heftiger, (am Ende jeden Tag 2 Kisten Bier und das ist nur das von dem ich definitiv wußte) und hatte mir zum Ziel gesetzt diesem Mann, den ich ja als wunderbaren Menschen kennengelernt hatte und über alles liebte, aus seiner Sucht zu befreien.
Ich wollte einfach nicht aufgeben…
trotz allem , wollte ich nicht dabei zusehen, wie sich dieser Mann zu Tode trinkt.

Einfach gehen und ihn im Stich lassen, so bin ich einfach nicht.

Ich habe alles versucht ihm zu helfen, fast 2 Jahre lang, jeder Tag war ein Kampf und einfach nur schlimm,
so schlimm….
Ich habe versucht mich abzulenken, irre viel im Haus getan,
zugemüllte Kellerräume aufgeräumt und im Garten gewirbelt, es tat mir gut und ich hoffte immer irgendwie,
dass ich ihn vielleicht mit meiner Arbeitswut anstecken würde.

Es gab doch so wahnsinnig viel zu tun ?! Und es war doch sein Haus...?
Doch kein Stolz, kein Ehrgeiz war in diesem Mann, kein Schamgefühl,
kein Mitgefühl mir gegenüber, die ich so oft am Rande der Verzweiflung war, da war einfach nichts… ?
Keinerlei Emotion in irgend eine Richtung.

Fragen über Fragen zermürbten mich immer mehr, auf die ich einfach keine Antwort fand ?

Ich habe ihm Briefe geschrieben, weil er immer mehr dicht machte wenn ich mit ihm reden wollte, habe mich telefonisch an das Asklepios und andere Hilfsorganisationen in Göttingen gewandt, mich durch das Internet, durch Foren gewühlt, auf der Suche nach Hilfe und es gab immer die gleiche Antwort:

" Man kann einen Menschen nicht entmündigen und zum Entzug zwingen,
der Betroffene muss es von sich aus wollen !"

Ich habe mir für diesen Mann wirklich den Arsch aufgerissen, um ihm zu helfen
und alle meine Bemühungen waren bislang gescheitert.

Er saß am Ende nur noch saufend oben unter dem Dach, in einem provisorisch hergerichtetem Wohnzimmer, völlig fertig und ich ging mehrfach am Tag nach oben um ihm was zu essen zu bringen, schaute... das er wenigstens ein bisschen feste Nahrung zu sich nimmt und um zu gucken ob er da vielleicht schon tot liegt und die ersten Fliegen ihre Eier auf ihm ablegen.

Grauenhaft... unfassbar grauenhaft.

Alleine schon die Treppe rauf zu gehen, die Tür zu öffnen, kostete mich unglaublich Kraft und Überwindung…
ich habe jedesmal und immer wieder tief Luft holen müssen, auf dem Weg nach oben,
weil ich nicht wußte, was mich für ein Anblick erwartet ?

Ich frage mich bis heute, wie ich das ausgehalten habe, diesen Gestank auch,
er hatte dann auch irgendwann Körperpflege für nicht mehr notwendig gehalten…
dieser Anblick wenn ich in den Raum kam, dieser beißende, bestialische Gestank nach Alkohol, Zigarettenqualm und altem Schweiß, dieses ganze Gesamtbild…

einfach Horror pur !

Von seiner Couch hat er sich nur noch bewegt, um zum Getränkemarkt zu fahren.

Er war körperlich am Ende…
das ich es auch schon lange war, merkte ich gar nicht mehr oder schob es bei Seite,
ich nahm mich selber gar nicht mehr war.
Ich war wie in Trance durch diesen ganzen Irrsinn, funktionierte nur noch und die Tage gingen dahin.

Es kam was kommen musste, ein Zusammenbruch, er hatte einen Schlaganfall.
Ich habe die Symptome sofort erkannt und den Notarzt gerufen, gegen seinen Willen, er schlug mir noch das Handy aus der Hand, aber da war der Wagen schon unterwegs. Er haute ab, lief weg irgendwo in die Feldmark und Notärzte, die Polizei und am Ende auch noch die Feuerwehr rauschten an und haben, neben einigen Leuten aus der Nachbarschaft, mit Taschenlampen nach ihm gesucht, wie man es eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt und ich habe mich so geschämt…..
vor all diesen Menschen…. so entsetzlich geschämt.

Viele werden sich gefragt haben, wie man als Frau so dämlich sein kann, mit solch einem Typen zusammen zu ziehen, aber er war halt vorher ganz anders, er entpuppte sich ja erst nach meinem Einzug
als widerliche Mogelpackung.

Jemand aus dem großen "Suchkommando" hat ihn dann entdeckt, zusammengebrochen hinter einem Gebüsch, sie nahmen ihn mit im Notarztwagen und ganz viele Leute dieser Rettungsaktion umarmten mich noch, trösteten mich, die ich da nur noch weinend, zitternd und völlig neben mir stand und sagten, das er überglücklich und stolz sein kann so eine Freundin zu haben und das er sicher nicht überlebt hätte, ohne meinen Notruf.

Einen Dank oder ein wenigstens ein kleines bisschen Anerkennung, habe ich dafür niemals erhalten,
weder von ihm, noch von seiner Familie.
Heute weiß ich auch warum, da komme ich noch drauf !

Als alle weg waren, bin ich wieder ins Haus, ich weinte zwar noch leise vor mich hin, aber ich merkte, wie mein Puls langsam wieder runter ging. Endlich hatte dieser Wahnsinn ein Ende, ich wußte ihn im Klinikum, in ärztlicher Behandlung.
Gott sei Dank !!... was für ein aufatmen...

doch nur für kurze Zeit.

Ich weiss es nicht mehr genau, denke es war gegen 2.00 Uhr Nachts, als ich hörte wie die Tür aufgeschlossen wurde und ich hörte seine Schritte auf der Treppe. Er war wieder da und mein ganzer Körper fing an zu beben als er die Treppe hoch kam, sich vor mir aufbaute und lapidar sagte, dass er 35.- €uro für das Taxi braucht.

Er hatte die Klinik verlassen, gegen den ärztlichen Rat, auf eigene Verantwortung !

Ruckzuck hatte er wieder Bierflaschen irgendwoher gezaubert um sich voll laufen zu lassen. Ich war die ganze Nacht wach, hielt mich unten im Haus auf, rannte hin und her, an Schlaf war nicht zu denken. Am frühen Morgen schlich ich mich leise nach oben, er war völlig weggetreten und ich schnappte mir den Untersuchungsbericht,
der auf dem Tisch lag.

Da stand eine ganze Menge, das ich wegen Sauklaue weder zuordnen noch entziffern konnte, aber wenigstens so viel konnte ich rauslesen, das er wirklich einen leichten Schlaganfall hatte und bei "Prognose für die Zukunft" stand schwarz auf weiss das Wort "Tod"... wenn er so weiter macht !

Ich bin dann in den Garten, saß da weinend als die Nachbarin um die Ecke kam.
Sie sorgte sich, wollte mal anklingeln und gucken wie es mir geht
und fand mich völlig aufgelöst draussen sitzend. Sie wurde auch blass im Gesicht, als ich ihr sagte:

" Er ist wieder da ! "

Diese Nachbarn, vor denen ich meinen Hut ziehe, weil sie unglaublich liebenswürdig und hilfbereit sind und immer für mich da waren, haben mir dann ihren Wohnwagen angeboten, als Unterschlupf und Überbrückung, bis ich eine Wohnung finde, Hauptsache erstmal raus aus dem Haus und der unerträglichen Situation.

Mein Nachbar hat sich dann auch nochmal die Mühe gemacht mit ihm zu reden, dass er dringend Hilfe braucht und das ich gehe, wenn er jetzt nicht die Notbremse zieht. Nach 2 Tagen gab ER sich einverstanden, dass ich ihn ins Klinikum fahren darf, zur Behandlung und zum Entzug!
Ich habe es erst nicht geglaubt, aber es passierte wirklich.
Wenn er es schafft, habe ich das alles nicht umsonst ausgehalten,
nicht umsonst um ihn gekämpft !

Diese fast 2 Jahre über, voller Verzweiflung, Leid und Hoffnung, hat mich immer ein Lied begleitet,
eines von der fantastischen Sängerin Pe Werner.
Ich hatte immer das Radio an, wenn ich im Haus oder im Garten am wirbeln war, es wurde eigentlich dauernd auf allen möglichen Sendern gespielt und jedesmal bekam ich Gänsehaut, einen Kloss im Hals
und war irgendwie so drin,
in diesem Lied voller Sehnsucht nach Liebe und Glück...

und so verrückt wie das jetzt erscheinen mag, aber an dem Tag, in dem Moment,
als es soweit war zum Klinikum zum fahren....
also wir stiegen in den Wagen ein, ich startete, das Radio ging an und es spielte wieder dieses Lied:

Dieses Kribbeln im Bauch, das man nie mehr vergisst,
als ob da im Magen der Teufel los ist.
Dieses Kribbeln im Bauch
kennst du doch auch,
wenn man glaubt
fast überzuschäumen vor Glück.
Dieses Kribbeln im Bauch, das man nie mehr vergisst,
wie wenn man zuviel Brausestäbchen ißt.
Dieses Kribbeln im Bauch
vermisst du doch auch -
einfach überzusprudeln vor Glück.

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